Von 1884 bis 1886 veröffentlichte der sorbische Ethnograf, Sprachwissenschaftler und Gründungsvater der Sorabistik Arnošt Muka (Ernst Mucke) einen der bis heute einflussreichsten Texte der sorbischen Publizistik – die „Statistika łužiskich Serbow“. Seine Bedeutung lag vor allem im statistischen Material zur Stärke der ober- und niedersorbischen Bevölkerung am Ende des 19. Jahrhunderts. Aber das Buch ist weit mehr als ein Zahlenwerk. Es ist mit seinen ausführlichen Beschreibungen dörflichen Lebens und sprachpolitischen Kampfansagen eine faszinierende Quelle für Volkskundler, Historiker, Soziologen, Heimatforscher und Ortschronisten. Im Detail erfährt der Leser, wie damals durch Industrialisierung und Zuzug fremder Arbeiter vor allem in die nördliche und südliche Oberlausitz sich dort die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit mehr und mehr Bahn brach. Die katholischen Gemeinden zwischen Kamenz und Bautzen hingegen kristallisierten sich als Kerngebiet sorbischer Resistenz gegenüber der Germanisierung heraus.Der Ethnologe Robert Lorenz hat es sich zur Aufgabe gemacht, das bisher nur in sorbischer Sprache vorliegende Werk samt Mukas Nachträgen aus den Jahren 1896 und 1900 ins Deutsche zu übertragen und somit einer viel breiteren wissenschaftlichen wie allgemeinen Öffentlichkeit als bisher zugänglich zu machen.
1998 wurde das Witaj-Projekt im Freistaat Sachsen und im Land Brandenburg mit dem Ziel, die sorbische Sprache zu erhalten und zu fördern, eingeführt. Doch inwieweit wurde dieses Modellprojekt in der zweisprachigen Lausitz umgesetzt und in welchem Maße hat es sich etabliert?
In der vorliegenden Publikation werden erstmals Ergebnisse des Projekts präsentiert, welches sich hinsichtlich Qualität, Intensität und Organisation unterschiedlich entwickelt hat. Den Hauptteil der Untersuchung bildet die Präsentation der Ergebnisse dreijähriger Feldforschungsarbeit in ausgewählten Witaj-Gruppen und Kindertagesstätten. Anhand verschiedener grammatischer Tests wurden bei regelmäßigen Besuchen Erfolge und Misserfolge des Sprachförderkonzepts dokumentiert und ausgewertet. Sie bilden die empirische Basis für sprachplanerische Maßnahmen und können somit nachhaltig nutzbar gemacht werden.
Der Tanz – häufig als unendlich und grenzenlos empfunden – erzählt von Menschen und Kulturen. So auch der Volkstanz, der sich durch traditionelle Musik und Instrumente, durch Trachten und die Darstellung von Bräuchen und des Alltagslebens mit der Geschichte verbindet. Was aber macht den „Sorbischen“ Volkstanz aus? Wo sind die Wurzeln des heute als authentisch verstandenen und als solchen praktizierten Sorbischen Volkstanzes? Wer pflegt ihn und auf welche Weise wird er rezipiert? Und wie lässt er sich abgrenzen von anderen Volkstänzen, die bei Sorben getanzt werden?
Der Tanz – häufig als unendlich und grenzenlos empfunden – erzählt von Menschen und Kulturen. So auch der Volkstanz, der sich durch traditionelle Musik und Instrumente, durch Trachten und die Darstellung von Bräuchen und des Alltagslebens mit der Geschichte verbindet.
Was aber macht den „Sorbischen“ Volkstanz aus? Wo sind die Wurzeln des heute als authentisch verstandenen und als solchen praktizierten Sorbischen Volkstanzes? Wer pflegt ihn und auf welche Weise wird er rezipiert? Und wie lässt er sich abgrenzen von anderen Volkstänzen, die bei Sorben getanzt werden?
Diesen Fragen spürt Theresa Jacobs in ihrer Arbeit nach. Hierfür besuchte sie Vereine und Tanzensembles zu Proben, Auftritten und bei Festen und sprach mit Tänzern, Choreografen sowie weiteren an der Entstehung und Aufführung der Tänze Beteiligten. Die dabei entstanden Geschichten und ethnologischen Diskurse, die das Tanzen bei den Sorben auf der Bühne wie im privaten Bereich beleuchten, zeichnen ein facettenreiches Bild über das vielschichtige und wandlungsfähige Phänomen Volkstanz.
Das vorliegende Buch ist eine aufschlussreiche Darstellung der gegenwärtigen sorbischen Musikszene in der bikulturell geprägten Lausitz. Ihr liegt eine sich über zehn Jahre erstreckende umfangreiche Feldforschungsarbeit zugrunde. Dabei werden in den vier Hauptabschnitten Prioritäten gesetzt und Entwicklungstendenzen aufgezeigt, die in der gegenwärtigen sorbischen Kulturwissenschaft bisher kaum beachtet wurden. Es geht um die Musikerziehung von Kindern, die sorbische Liederwirtschaft, die sorbische professionelle Musikkultur sowie um Medien und populäre Musik in sorbischer Sprache. Auf abwechslungsreiche, feuilletonistische Weise zeichnet die Autorin ein facettenreiches Bild einer lebendigen Musikkultur, die sowohl mit Tradition als auch Innovation das gesamte sorbische Ethnikum zu stärken versucht.
Wie werden die Umgangsformen zwischen verschiedenen Ethnien, Religionen, Konfessionen, Geschlechtern, Generationen, sozialen Schichten narrativ reflektiert, wenn die einen als Mehrheit und die anderen als Minderheit auftreten? Der vorliegende Band präsentiert die Beiträge einer internationalen Tagung, die sich damit beschäftigt hat.Die Spanne der Themen reicht von Klischees über die »Zigeuner«, die Selbstdarstellung der Roma und deren gesellschaftlichen Status in Finnland, über das Bild der Juden in der mündlichen Volksüberlieferung, die Stellung von Menschen mit Behinderung in den Volkssagen der Oberlausitz bis hin zum Sendungsbewusstsein der Herrnhuter Brüdergemeine sowie zur Frage, ob Raucher heutzutage eine diskriminierte Minderhiet darstellen.
Wie gestalten sich die Beziehungen zwischen Minderheiten und Mehrheiten? Wo liegen die Konfliktzonen, wo die Hohlräume in der Kommunikation, wo finden sich die positiven Strategien des Umgangs miteinander? Welche Urteile und Vorurteile, Bilder, Geschichten und Modelle sind heute in Europa präsent? Das sind Fragen, die in dem vorliegenden Sammelband zur Diskussion gestellt werden. Dabei reichen die Forschungsfelder von der sorbisch-deutschen Lausitz bis zum multikulturellen Paris, von den „medialen“ Türken in Deutschland bis zur interkulturellen Geschlechterbeziehung in Österreich. Sie umfassen Themen von „Innerjüdisch und Außerdeutsch“, von Heimat und Fremdheit in Ostmitteleuropa, in Nordirland und auf den Britischen Inseln.Der Band bildet ein fachübergreifendes Forum von Expertinnen und Experten, sodass Perspektiven der Kulturwissenschaft, Geschichte, Soziologie, der europäischen Ethnologie sowie der Kunstwissenschaft einander ergänzen. Und immer wird dabei auch nach den Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten der Wissenschaft bei der Bewältigung von alten und neuen Konflikten gefragt.
Vom ungeheuren Ausmaß der Zwangsmigrationen zum Ende des 2. Weltkriegs war auch die zweisprachige Lausitz betroffen. Die Autorin untersucht hierbei die Frage, wie sich das Zusammentreffen verschiedener ethnisch-kultureller Identitäten auf die Anpassungsstrategien der deutschen Flüchtlinge aus Schlesien, Ostpreußen, den Sudeten und anderen Gebieten auswirkte. Die Grundlage dafür bilden erzählende Interviews über die Erfahrungen ihrer Gesprächspartner, die in jungen Jahren in die Ober- oder Niederlausitz kamen und sich hier ihre Existenz aufbauten. Die Studie plädiert für eine Erweiterung des bisherigen Blickfelds und möchte neben der Gefahr der sprachlichen Assimilierung zum Deutschen auch auf die Chancen für das Sorbische und dessen Bereicherungen aufmerksam machen.
Der Prager Soziologe und Sorabist Leoš Šatava legt hiermit die bisher umfangreichste und detaillierteste Studie zur Situation der sorbischen Jugend in der Gegenwart vor. In einem Beobachtungszeitraum von 1996 bis 2001 untersuchte der Autor am Sorbischen Gymnasium in Bautzen sowie an weiteren sechs Mittelschulen des sorbischsprachigen Gebietes auf der Grundlage verschiedener Fragebögen das Verhältnis der Schüler zu sorbischer Kultur und Sprache. Statistisch ausführlich dokumentiert, werden weitreichende Aussagen zur ethnischen und regionalen Selbstidentifikation der Jugendlichen, zur Rezeption sorbischer Kultur, zu Sprachfähigkeiten und zur aktiven Anwendung von Sprache und Kultur getroffen.
In diesem mehrsprachigen Sammelband widmen sich fast vierzig Slawisten aus zahlreichen Ländern Europas und aus Amerika vor allem drei Themen: der sorbischen Sprache und Literatur, der kulturellen Vielfalt in Vergangenheit und Gegenwart, den künftigen Aufgaben und Zielen der Sorabistik. Die Beiträge reichen vom Anteil der Sorben an der deutschen Geschichte bis zur provokanten Erkundung modernen ethnischen Bewusstseins in der Lausitz.
Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts haben sich in sorbischen und in deutsch-sorbischen Familien der zweisprachigen Dörfer in der Oberlausitz in Bezug auf Arbeits- und Lebensformen sowie in Bezug auf das Sprachverhalten tiefgreifende Veränderungen vollzogen. Die sorbische Identität wurde dadurch nachhaltig beeinflusst.
Im vorliegenden Sonderheft der Zeitschrift für sorbische Sprache, Geschichte und Kultur, Lětopis, beleuchten siebzehn Referate Aspekte der aktuellen Situation nationaler Minderheiten in Deutschland, Finnland, Italien, Litauen, Slowenien, Spanien, der Ukraine und Ungarn.Inhalt
ELKA TSCHERNOKOSHEWA: Sorbische Kultur – sorbische Kulturen: Prämissen sorbischer Kulturpolitik
OLEXANDR CHEREDNICHENKO: The Present-Day Situation of Ethnic Minorities in Ukraine
LONTXO OIHARTZABAL: Die Entwicklung der Sprachbeherrschung und der Sprachbenutzung im Baskenland ab 1979
SONJA NOVAK-LUKANOVIČ: The Position of the Italian and Hungarian Minority in Slovena: Educational and Cultural Aspect
Yvo J. D. PEETERS: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Volksgruppenschutz
MARTIN KASPER: Zur gegenwärtigen staatsrechtlichen Situation der Sorben
LUDWIG ELLE: Kommunalpolitische Regelungen für das deutsch-sorbische Gebiet in Sachsen und Brandenburg
ERICH SCHULZE: Ergebnisse des Kreistagsbeschlusses des Landkreises Weißwasser zur Förderung der nationalen Minderheit der Sorben
GUNTER SPIESS: Die sprachliche Situation bei den Sorben in der Niederlausitz
INES KELLER: Zu einigen Momenten des Wandels in sorbischen Dörfern
FRANK HERING: Netzwerke in einem deutsch-sorbischen Dorf – Bericht zu einem Projekt
REIMER KAY HOLANDER: Die Friesen in Nordfriesland
CARL BOEHM: Die drei nationalen Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzgebiet – Bericht zur Diskussion eines Modells
JÜRI VIIKBERG: Die kulturelle Lage der Minderheiten in Estland
KJELL HERBERTS: In the Centre and in the Periphery – Minorities in Finland
GEORG ZIELBAUER: Zur Lage der Ungarndeutschen
MARIA SERENA TIELLA: Minderheiten in Italien
Gestützt auf eine umfangreiche Untersuchung des Bautzener Instituts für sorbische Volksforschung aus dem Jahre 1987, analysiert der Autor die ethnische, demographische und soziale Struktur von Rezipienten sorbischer Kultur sowie Probleme ihres Rezeptionsverhaltens.
Mit Sachkenntnis und Zuneigung traten bedeutende deutsche Gelehrte, Künstler, Politiker und Kulturschaffende in vier Jahrhunderten für die Gleichheit der Sorben, für den Erhalt ihrer Sprache und Kultur ein – nachzulesen in mehr als hundert Zeugnissen. Ergänzt mit Biografien, Erläuterungen und einem Nachwort.
Trachten sind in den deutsch- und sorbischsprachigen Regionen seit jeher
fester Bestandteil der Volkskultur. In der Gegenwart hat sich jedoch
ein Bedeutungswandel vollzogen. Während die Tracht als Alltagskleidung
fast völlig verschwunden ist, nimmt das Tragen von Trachten zu
besonderen Anlässen und zu Präsentationszwecken zu.Dieser Band
enthält die Beiträge einer gemeinsamen Tagung des Sorbischen Instituts
und der volkskundlichen Landesstellen der Deutschen Gesellschaft für
Volkskunde vom März 2007. Die Autoren beschäftigen sich u. a. mit
Fragen, wie Trachten heute präsentiert werden, wie in ihnen das
„Vergangene“ in die „Gegenwart“ getragen und wie der Wandel von ehemals
alltagskulturellen Erscheinungen zum heutigen Kulturerbe reflektiert
wird.
An vielen Orten der Welt stellt sich heute die Frage nach den Rechten autochthoner Minderheiten auf Selbstverwaltung und Mitsprache. Die Verhandlungen darüber sind durchaus unterschiedlich. Doch – ob in der Lausitz, im italienischen Aostatal oder am Rio Negro in Brasilien – die entsprechenden Forderungen argumentieren häufig mit einem besonderen Verhältnis der jeweiligen Bevölkerungsgruppe zur Natur. Zwölf Essays aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten beschäftigen sich mit Aspekten des Naturbezugs autochthoner Minderheiten und beleuchten unter anderem folgende Fragen: Welche Machtverhältnisse zeigen sich in den Siedlungsgebieten? Wer beansprucht wann und warum Naturbezüge von Minderheiten? Welche Rolle spielt Wissenschaft bei der Definition von Minderheiten und ihrem Umgang mit der Natur im jeweiligen Siedlungsraum?
Sorbische Frauen wurden in nationalen/ethnischen Diskursen oft auf eine repräsentative Position – Symbolträgerinnen des kulturellen Erbes und Hüterinnen der ethnischen Identität – festgelegt. Damit wurden jedoch ihre subjektiven Erfahrungen im Alltagsleben und die vielfältige soziale Praxis ausgeblendet. Die Autorin stellt in der Dissertation die herkömmliche Konzeptionalisierung von Ethnizität und Geschlecht in Frage. Sie möchte aufzeigen, dass sorbische Frauen erst durch die alltägliche Praxis und Interaktion mit Anderen ihre (ethnische) Identität aktiv konstruieren und sozial herstellen. Gerade die Vernetzungen und Überlagerungen der Unterschiede – seien diese nun geschlechtlich, ethnisch, kulturell, religiös oder sozial – lassen die Identitäten der Frauen zutage treten. Auf diese Weise wird das traditionelle Bild eines scheinbar homogenen Sorbentums sowie der sorbischen Weiblichkeit revidiert und dynamisch neu definiert.
Seit Filme gemacht werden, stehen Sorbinnen und Sorben vor und hinter der Kamera. Einen vorläufigen Höhepunkt erlebte der sorbische Film in der DDR, vor allem in der DEFA-Produktionsgruppe „Sorbischer Film“ (Serbska filmowa skupina). In der deutschen Filmgeschichtsschreibung aber ist er bisher nahezu unsichtbar. Diese Lücke wird mit vorliegender Monografie geschlossen. Vom Kaiserreich bis in die Gegenwart gibt sie einen Überblick des sorbischen Filmschaffens. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Kino- und Fernsehproduktionen des DEFA-Studios sowie der Babelsberger Filmhochschule zwischen 1946 und 1992. Ergänzend dazu werden die wichtigsten sorbischen Filmschaffenden der DDR vorgestellt und ihre Bedeutung für den sorbischen und deutschen Film erörtert.Einzelbeiträge beleuchten zudem Fragen von Identitätsbildung und Film, Literaturverfilmungen, Stereotypen im Film und Verbindungen zum indigenen Kino. Ein Gespräch mit ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Produktionsgruppe bietet seltene Einblicke in eine bislang unbekannte Produktionspraxis und den Umgang mit der einzigen staatlich anerkannten ethnischen Minderheit der DDR. Auf zwei beigelegten DVDs werden wichtige Werke – sowohl deutsch- als auch sorbischsprachig – erstmals öffentlich zugänglich gemacht.
Mit der Lausitzer Holzbaukunst verbinden sich pittoreske Landschaftsbilder, Blockbauten des Spreewaldes und sorbische Traditionen. Durch das industrielle Bauen entstanden Industriegiganten wie das Energiekombinat Schwarze Pumpe und die Wohnbauten und Großsiedlungen der Spät- und Nachkriegsmoderne. In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Wirken des deutsch-sorbischen Bauingenieurs Eberhard Deutschmann (1926 - 2005). Diese erste Werkpräsentation stellt gleichzeitig eine Würdigung zum 20. Todestag und zum 100. Geburtstag des Bauingenieur dar, welcher zu den bedeutenden Vertretern des industriellen Bauens und der Ingenieurbaukunst zählt.